Besonnen Stories #11: Der mittlere Weg und bewusster Konsum

Julia Kupke Bewusster Konsum

Gastartikel von Julia Kupke


Für manche von uns beginnt die fortwährende Reise in ein bewussteres und achtsameres Leben auf der Yogamatte oder dem Meditationskissen, manche brauchen einen aufrüttelnden Wake-up Call, um ihre innere Welt neu zu erkunden und sich zu verbinden und wieder andere bekommen eine natürliche Bewusstheit mit in die Wiege gelegt.

Wer sich auf den Weg für ein bewussteres Leben macht, kann auf dieser Reise bald beobachten, wie bewussteres Wahrnehmen und Handeln mehr und mehr in all unsere Lebensbereiche einfließen und Einfluss nehmen. Vielleicht spüren wir eine stärkere Aufmerksamkeit für unsere Gedanken, wir empfinden mehr Freude an dem, was uns wirklich nährt, sei es unsere Ernährung oder womit wir uns umgeben. Die Selbstwahrnehmung für unseren Körper und unsere sich stetig verändernden Empfindungen werden sensibilisiert. Diese Sensibilisierung zeigt sich bald vielleicht in mehr Mitgefühl und Verbindung zu anderen Menschen und Lebewesen. Und vielleicht stellen wir irgendwann fest, wie wir uns verändern, neue Gewohnheiten entwickeln und unsere Entscheidungen mehr und mehr aus unserem Inneren heraus entstehen. Unsere Gespräche bekommen andere Qualitäten, wir beginnen einander präsenter zuzuhören und trauen uns, uns wahrhaftiger mitzuteilen. Und irgendwann breitet sich das Netz bis zu den Dingen aus, die wir konsumieren, und damit auch zu unseren Kaufentscheidungen. Ob es unsere Nahrungsmittel oder unsere Kleidungsstücke sind, Möbel oder schöne Dinge, mit denen wir uns umgeben. All diese Entscheidungen bekommen über die Perspektive der Achtsamkeit und Bewusstheit einen neuen Entscheidungsspielraum.

Die Welt und die Umgebung, in der wir uns wiederfinden, wird oft als Konsumgesellschaft definiert. Dies kann man positiv oder negativ beurteilen oder, wie die Yogis, zunächst einmal neutral betrachten. Die interessante Fragestellung für unsere Betrachtung ist dabei eher, von welchen Botschaften, Normen und Werten wir in einer Konsumgesellschaft umgeben sind. In unserem Alltag sind wir oftmals von Botschaften aus dem Außen umgeben, die uns mitteilen, dass wir mehr von etwas brauchen, um uns besser zu fühlen, dass sich etwas zum Positiven verändert, wenn wir etwas besitzen, oder dass unser Leben noch besser/einfacher/freudiger/attraktiver/gesünder... wird, wenn wir konsumieren. Manchmal werden uns Probleme präsentiert, von deren Existenz wir vorher nicht wussten, auf die wir jedoch über den Konsum vermeintliche Antworten finden sollen. Mit wachem Geist können wir unsere Praxis jederzeit üben. Wir schlüpfen in die Rolle des Beobachters und dürfen uns dabei fragen, was davon wirklich mit uns resoniert? Und wie oft wir, von diesen Botschaften umgeben, wirklich aus dem Innen heraus unsere Entscheidungen treffen?

Buddha hat uns bereits vor langer Zeit an den Mittleren Weg erinnert. Wir müssen nicht in Extreme gehen, um im Gewahrsein leben zu können. In unserer modernen Welt müssen wir nicht in die absolute Askese fern von jeglichem Konsum gehen, um ein bewusstes Leben zu führen. Allerdings dürfen wir auch in die Verantwortung für unseren eigenen Konsum gehen. 

Es ist schön zu beobachten, dass immer mehr Menschen sich auf den Weg machen eine Transformation in unsere Welt zu bringen, sodass fair und verantwortungsvoll für alle in den Konsumzyklus involvierten Lebewesen agiert werden kann.
Wenn du Lust hast deine Konsumentscheidungen und Konsumgewohnheiten aus neuen Perspektiven zu betrachten, kannst du diese Fragen und Gewohnheiten mit auf die Reise nehmen.

Die Kalibrierung unseres inneren Kompass


Wenn du das nächste Mal etwas konsumieren möchtest, nimm dir einen Moment Zeit, um nach Innen zu schauen und auf deine inneren, ehrlichen Antworten zu folgenden Fragen zu hören. Hier kann Konsum sich auf etwas Materielles wie Kleidung oder Dekoration beziehen genauso wie auf Nahrungsmittel oder auch den Konsum von Zerstreuung und Unterhaltung, wie z. B. ein Film, Internetsurfen oder Social-Media-Konsum. Wir konsumieren auf vielfältige Weise und alle unsere Sinne sind dabei involviert. Bevor du die nächste Konsumentscheidung triffst, trete gedanklich ein paar Schritte zurück, kreiere etwas mehr Raum für deine innere Welt und gehe diesen Fragen nach:

Warum möchte ich gerade „xy“ konsumieren?
Tipp: Sei radikal ehrlich und gleichzeitig nicht zu streng mit deinen Antworten. Schau sie dir in der Haltung „Ah, interessant“ und weniger wertend an.


Aus welchem Gefühl heraus entsteht dieser Wunsch?
Tipp: Um einen tieferen Zugriff zu deinen Gefühlen zu bekommen, kann es dir eine Hilfe sein, deinen Körper wahrzunehmen. Gibt es ein aufgeregtes Kribbeln, einen Druck im Bauchraum, einen Schwindel im Kopf? Und mit welchen Gefühlen verbindest du diese körperliche Empfindung?


Was entgeht mir, wenn ich „xy“ jetzt nicht konsumiere? Und was entgeht anderen Menschen, Lebewesen, Lebensräumen, wenn ich „xy“ jetzt konsumiere?


Was gewinne ich, wenn ich „xy“ jetzt konsumiere? Und was gewinnen andere Menschen, Lebewesen, Lebensräume, wenn ich „xy“ jetzt konsumiere?

Das weite Netz unserer Verbindungen


Unsere Wahrnehmung basiert oftmals auf dem Glauben an Separation zwischen uns und den anderen. Wenn wir hinter die Vorhänge unserer selbst kreierten Realitäten schauen, sehen wir, dass es eine Verbindung zwischen uns und allem um uns herum gibt. Diese Verbindung erscheint zwar mit Worten oder auf kognitiver Ebene manchmal nicht leicht greifbar, aber sie zeigt uns ebenfalls, dass wir mehr als unsere gedanklich geschaffene Realität sind . Mit diesem Erkennen wird unsere Welt und unser menschlicher Erfahrungsraum größer. Wir erinnern uns, dass unser eigenes Leben mit dem Leben anderen Menschen und Lebewesen zusammen hängt und verbunden ist.

Ein Beispiel aus dem Alltag. Ein Apfel hat einen Weg hinter sich. Der Apfelbaum wurde von Menschenhand gepflanzt oder setzte sich in der Natur aus. Insekten sorgten für die Bestäubung. Vielleicht hat jemand die Pflege des Baums übernommen, sodass die Früchte heranreifen konnten und der Baum gesund blieb. Es gab eine Ernte. Viele Menschen waren involviert, damit der Apfel vom Baum zum (Super)Markt gelangen konnte. Und am Schluss hast du ihn gekauft und nun liegt er in deiner Hand. Irgendeine Reise dieser Art hat alles hinter sich, was wir konsumieren. Das Smartphone, das uns durch den Alltag begleitet. Die Jacke, die uns warm hält. Die Lampe, die uns Licht spendet. Die Seife, mit der wir uns waschen. Aber auch die Musik, die uns berührt und das Buch, das uns neue Horizonte eröffnet.

Diese Interdependenz lässt sich mit kleinen Momenten der Achtsamkeit in unserem Alltag immer wieder honorieren. Gleichzeitig üben wir damit Dankbarkeit und Wertschätzung.

Als Übung kannst du z.B. für deine nächste Mahlzeit die Reise der einzelnen Bestandteile betrachten. Wo liegt der Ursprung dieser Nahrungsmittel? Wer mag geholfen haben, damit sie auf deinem Teller landen? Diese Betrachtungsweise kultiviert automatisch Impulse der Dankbarkeit zu all den Dingen, zu denen wir in unserer modernen Konsumgesellschaft Zugriff haben. Gleichzeitig steigern wir unsere innere Relativierungs-fähigkeit, ob wirklich alles nötig ist, was möglich ist.